Arno Dejaco / Matthias Vieider (Hg.)

 

Lyrischer Wille

Poesie einer multilingualen Gesellschaft

 

bestellbar hier: folio Verlag

 

Poesie und Übersetzung in einem einzigartigen, vielsprachigen Labor.

 

Lyrischer Wille versammelt die Ergebnisse eines groß angelegten Übersetzungsprojektes, in welchem sich 55 Autorinnen und Autoren aus dem Raum Südtirol in 7 Gedichtzyklen gegenseitig übersetzten. Der übersetzenden Person war nur die jeweilige Vorgängerversion bekannt. Und die Anweisung, das vorliegende Gedicht in die eigene Sprache zu übertragen, wie auch immer die geartet sein mag. So liegen nun 61 Gedichte in 15 Sprachen vor.

 

Vor dem Hintergrund des unsere Gesellschaften durchdringenden Un-Willens, aus dem Schatten der selbst konstruierten Homogenität zu treten und mit Diversität offen und feinfühlig umzugehen, will Lyrischer Wille auf literarischer Ebene Möglichkeitsräume eröffnen, um Barrieren zu überwinden und sich in einem Miteinander und auf Augenhöhe zu begegnen. Im Zusammensein und Ineinanderverwoben-Sein der verschiedenen Sprachen wird das darin innewohnende Potenzial für ein gesellschaftliches Zusammenleben literarisch erahnt. Nicht zuletzt geht es auch um die Frage, wie Literatur sich ausdrücken kann, wenn sie sich in einem Feld bewegt, das nicht von Sprachgrenzen durchzogen ist. 


 

Sprachen

Ladinisch (Grödner Tal), Deutsch (Meraner Dialekt), Ladinisch (Gadertal), Albanisch, Deutsch (Pustertaler Dialekt), Bosnisch, Arabisch, Finnisch, Bulgarisch, Deutsch (Ahrntaler Dialekt), Kurdisch/Sorani, Italienisch, Zeichensprache, Englisch, Persisch, Ladinisch (Fassatal), Deutsch (Standarddeutsch), Französisch, Spanisch, Chinesisch 

 

Autorinnen und Autoren

Eeva Aichner, Stefen Dell’Antonio Monech, Rut Bernardi, Daniel Brandlechner, Maria E. Brunner, Lino Pasquale Cacciapaglia, Reinhard Christanell, Brunamaria Dal Lago Veneri, Roberta Dapunt, Arno Dejaco, Farshad Doulabi, Oswald Egger, Carla Festi, Franco Fortini, Eugen Galasso, Cristina De Grandi, Daniel Graziadei, Maria C Hilber, Lilia Ianeva Satta, Adel Jabbar, Matteo Jamunno, Norbert C. Kaser, Brigitte Knapp, Haris Kovačević, Kurt Lanthaler, Sepp Mall, Laura Mautone, Werner Menapace, Gentiana Minga, Waltraud Mittich, Christian Morgenstern, Lene Morgenstern (Helene M. Delazer), Gabriele Muscolino, Silvia Murer, Madé Neumair, Wolfgang Nöckler, Maria Oberrauch, Serena Osti, Teresa Palfrader, Greta Maria Pichler, Anne Marie Pircher, Nadia Rungger, Nadia Scappini, Matthias Schönweger, Louis Marley Crowfoot Schropp, Claus Soraperra de la Zoch, Anna Stecher, Sonja Steger, Carlo Suani, Gerd Sulzenbacher, Sonia Sulzer, Paolo Bill Valente, Matthias Vieider, Stefano Zangrando, Jörg Zemmler

 

Der Wille trägt die Welt

 

Ein Rundumblick legt offen, wie schwer es scheinbar ist, mit Diversität umzugehen. Welche Probleme es bereitet, mit Andersartigkeit konfrontiert zu werden, welche grotesken Monolithe des sogenannten Eigenen dann in die Welt gesetzt werden, aus deren Schatten hervorgebellt wird, ängstlich, verbittert und auch böse. 

 

Auch Gesellschaften, die sich nach außen hin mit kultureller Vielfalt schmücken, sind vom Wahnsinn der selbst konstruierten Homogenität und der Scheu vor Veränderung durchdrungen. Drehen sich in abgeschotteten Kreisen und die Umarmung reicht nicht darüber hinaus. Ob das weniger einer Unfähigkeit als einem Un-Willen geschuldet ist? 

 

Wir haben die Literatur, oder genauer die Lyrik befragt, welche Perspektiven sie eröffnet. Welche Möglichkeitsräume sie bieten kann, um Barrieren zu überwinden und sich in einem Miteinander und auf Augenhöhe zu begegnen.

 

Und wo wird es offensichtlicher, in aller Schönheit, dass jede Sprache und jede Existenz als singuläre Einzigartigkeit erstrahlt? Dass zwischen zwei verschiedenen Sprachen nur ein vermeintliches Unverständnis herrscht und dass das Verständnis zwischen zwei gleichen Sprachen nur ein sehr relatives ist? Dass es ums Übersetzen geht. Ums Über-Setzen. 

 

In diesem Buch begegnen sich 55 Autorinnen und Autoren. Sie alle wurden im Raum Südtirol sozialisiert oder leben bzw. lebten hier. Lyrischer Wille ist kein trans- oder internationales Übersetzungsprojekt, sondern konzentriert sich bewusst auf die Vielfalt in diesem kleinen geographischen Kontext. 

 

Die Autoren und Autorinnen haben sich gegenseitig übersetzt: Sieben Ausgangs-gedichte wurden zu ebenso vielen Kettengedichten. Der übersetzenden Person war nur die jeweilige Vorgängerversion bekannt. Und die Anweisung, das vorliegende Gedicht in die „eigene Sprache” zu übersetzen, wie auch immer diese geartet sein mag. So liegen nun Gedichte in 15 Sprachen vor. Der einzige kuratorische Eingriff besteht in der Reihung der Autorinnen und Autoren, welche von uns von Mal zu Mal intuitiv und nach eigenem Gefühl festgelegt wurde. 

 

Lyrischer Wille will den Raum Südtirol als Ort der Mehrsprachigkeit und der Diversität begreifen, das Zusammensein und Ineinanderverwoben-Sein der verschiedenen Sprachen und das darin innewohnende Potenzial für ein gesellschaftliches Zusammenleben literarisch erahnen. Und natürlich geht es auch um die Frage, wie Literatur sich ausdrücken kann, wenn sie sich in einem Feld bewegt, das nicht von Sprachgrenzen durchzogen ist. 

 

Dieses Buch ist in zwei Jahren gemeinsamer Arbeit entstanden. Viel Zeit ist in die Suche nach Menschen geflossen, die nicht auf Deutsch oder Italienisch schreiben und so in der Südtiroler Literaturszene wenig wahrgenommen wurden, bzw. werden. Umso erfreulicher war es, auf solche zu treffen und deren Enthusiasmus zu spüren. Das Projekt war geprägt von besonderen Momenten und Begegnungen, von der Überraschung und dem Staunen über jede literarische Übersetzung, den Feinfühligkeiten und verantwortungs-bewussten Wagnissen der Autorinnen und Autoren und von deren lyrischem Willen. 

 

Matthias Vieider & Arno Dejaco

Will Carries the World

 

A glance around reveals how difficult it apparently is to deal with diversity. Which problems arise when confronted with otherness and which grotesque monoliths of what is supposedly one’s own are then erected in the world, from the shadows of which one cries, afraid, resentful, and angry.

 

Even societies that present themselves as culturally diverse are simultaneously steeped in a mania of self-constructed homogeneity and an aversion to change. They turn themselves in insular circles and their embrace does not extend beyond that. Perhaps it is due less to inability than to unwillingness?

 

We turned to literature, or more precisely poetry, to ask which perspectives it offers. Which realms of possibility it can present to overcome barriers and to encounter each other cooperatively and on equal footing.

 

After all, where else does it become more apparent, in all its beauty, that every language and every individual gleam as its own singularity? That only a putative understanding exists between two different languages, and that understanding between two identical languages is only very relative? That it is a matter of translation. Trans-lation.

 

Fifty-five authors encounter each other in this book. They were all socialized in the region of South Tyrol or live or used to live here. Poetic Will is not a trans- or international translation project; instead, it consciously focuses on the diversity within this limited geographic context.

 

These authors translated each other: what started as seven poems thus became as many chain poems. Each translator was only familiar with the version that directly preceded it. And the directive to translate the poem at hand into their “own language,” whatever form that may take. We ended up with poems in fifteen languages. The only curatorial intervention concerns the order in which the authors are presented, which we determined case-by-case based on intuition and our own sentiment.

 

Poetic Will aims to understand the region of South Tyrol as a place of multilingualism and diversity and to explore through literature the coexistence and entanglement of the various languages and the potential inherent therein for social relations. And it of course also concerns the question of how literature can express itself when it operates in a field that is not partitioned by linguistic borders.

 

 

This book resulted from two years of collaborative work. Much time was invested in searching for people who do not write in German or Italian and as such were or are given little recognition on the South Tyrolean literature scene. Hence, it was that much more rewarding to find these people and to feel their enthusiasm. The project was defined by outstanding moments and encounters that that arose from it, by surprise and wonder at every literary translation, by the delicate sensitivity and discerning daring of the authors, and by their Poetic Will.

 

 

(Translation: Mallory Matsumoto)

 

 

La volontà regge il mondo

 

È sufficiente guardarsi un po’ intorno per rendersi conto di quanto appaia difficile rapportarsi alla diversità, quali problemi generi l’entrare in contatto con l’alterità e come al suo cospetto vengano istituiti dei monoliti grotteschi, all’ombra dei quali le si abbaia contro, con timore, amarezza e a volte cattiveria.

 

Anche le società che si vantano esteriormente della propria varietà culturale sono intrise della follia di una pretesa omogeneità, artificiosa, e di rifiuto del cambiamento. Non escono dal circolo vizioso della propria chiusura, non c’è abbraccio che sappia uscirne. Che ciò sia dovuto più a un’incapacità che a una non-volontà?

 

Noi abbiamo interrogato la letteratura, e più precisamente la poesia, sulle prospettive che essa può aprire. Sugli spazi e le opportunità che può offrire per superare le barriere e permetterci di ritrovarci davvero insieme, tra pari.

 

Del resto, in quale altra dimensione si manifestano con altrettanta chiarezza, sotto forma di bellezza, la singolarità e l’unicità di ogni lingua e di ogni esistenza? Dimostrando così che tra due lingue diverse l’incomprensione reciproca è solo presunta e che la comprensione fra due lingue uguali è molto relativa? Che è tutto un tradurre, un trasportare, un trans-ducere.

 

In questo libro s’incontrano 55 autrici e autori. Tutti loro sono cresciuti in Alto Adige-Südtirol, o ci hanno vissuto, o ci vivono. Lyrischer Wille non è un progetto transnazionale o internazionale, si concentra invece consapevolmente sulla varietà all’interno di questo piccolo contesto geografico.

 

Autrici e autori si sono tradotti l’un l’altro: sette liriche erano il punto di partenza per altrettante traduzioni a catena. Chi traduceva di volta in volta, lo faceva partendo soltanto dalla versione precedente. L’invito era di tradurre questa versione nella “propria lingua”, qualunque forma, tono o modo questa assumesse. Il risultato è un insieme di poesie in quindici lingue diverse. I curatori si sono limitati a stabilire la sequenza delle autrici e degli autori in base a criteri ora intuitivi, ora soggettivi.

 

Lyrischer Wille vuole cogliere lo spazio sudtirolese come luogo del plurilinguismo e della diversità, mostrare come le diverse lingue stiano insieme e siano intrecciate l’una nell’altra, alludere per via letteraria al potenziale che tale intreccio rappresenta per la convivenza sociale. Ed è ovviamente un modo di interrogarsi su come la letteratura possa esprimersi quando si muove su un campo non attraversato da confini linguistici.

 

Questo libro è il frutto di due anni di collaborazione. Molto tempo lo abbiamo impiegato cercando persone che non scrivessero in tedesco o in italiano, che perciò avessero o hanno meno visibilità nella scena letteraria sudtirolese. Tanto maggiore è stato quindi il piacere di trovarle e percepire il loro entusiasmo. A forgiare il progetto sono stati momenti e incontri speciali, la sorpresa e lo stupore di fronte a ogni traduzione, la sensibilità linguistica, le finezze e i consapevoli ardimenti di autrici e autori, e la loro volontà poetica.

 

(Traduzione: Stefano Zangrando)